Aikido in Kolkata (Kalkutta)

Vom 23.2. bis zum 1.3.2008 hat in Kolkata, Indien, ein internationaler Aikido-Lehrgang stattgefunden, an dem auch Alexander Reinhardt vom Budokwai Öhringen teilgenommen hat. Veranstalter des Lehrgangs war die Academy of Aikido India, die den Bietigheimer Aikidolehrer Walter Oelschläger als Lehrgangsleiter gewinnen konnte.

Aikido ist eine japanische Kampfkunst, deren Ziel die Gewaltlosigkeit ist. Die Gelegenheit zu einem Lehrgang jenseits allem Gewohnten, nahm vor kurzem Alexander Reinhardt aus Bretzfeld-Scheppach wahr.

Ankunft in Kolkata

Das Flugzeug erreicht gegen 7 Uhr Ortszeit Kolkata. Die Zeitverschiebung gegenüber Deutschland beträgt + 4,5 Stunden. Die Außentemperaturen liegen bei angenehmen 18 °C und man braucht keine Winterjacke mehr.

Es ist kurz vor 8 Uhr Ortszeit. Das Gepäck wird in einen "Tata" verladen. Tata ist ein allgegenwärtiger, indischer Stahlkonzern, der auch Autos baut. In Indien herrscht Linksverkehr, ein Erbe der Briten.

Der Flughafen befindet sich etwa 30 km nordöstlich des Zentrums von Kolkata. Der Weg ins Zentrum dauert, wenn alles gut läuft, etwa eine halbe Stunde. AlexanderReinhardt und seine indischen Begleiter aber müssen sich erst einmal durch die morgendliche Rush-Hour kämpfen. Eine permanente Geräuschkulisse von lebhaftem Hupen in allen Tonlagen und kräftige Abgasschwaden hüllen sie ein.

Indien 2008 0075Das Dojo

Einer der ersten Wege der beiden Deutschen in Kolkata führt sie natürlich in das Dojo, den Übungsraum der hiesigen Aikidoka und den Schauplatz des sich anbahnenden Lehrganges.

Ein paar Öffnungen in den Wänden erleichtern die Belüftung und lassen auch etwas Tageslicht herein. Ansonsten wäre es recht dunkel in dem Raum.

Um das Dojo herum wachsen Kokos-Palmen und Bananenstauden. Wie im Paradies. Nur der Lärmpegel der Straße und der Smog, der scheinbar in Kolkata dazugehört, passen irgendwie nicht richtig dazu.

Das erste Training und  Besuch des deutschen Generalkonsuls

Das erste Training! Avijit, Bappa und Utpal holen die deutschen Aikidoka am Sonntagmorgen ab und bringen sie um 8.30 Uhr mit ihren Autos ins Dojo. Die Kältewelle in Kolkata ist abgeebbt und die Temperaturen auf über 20 °C geklettert. Die Deutschen gewöhnen sich an die für sie sommerlichen Temperaturen.

Beim Abendtraining kommt  sogar der deutsche Generalkonsul Günter Wehrmann ins Dojo. Mit dem Konsul kommt eine Schar von Fotografen und die deutschen Aikidoka dürfen eine kurze Kostprobe ihrer Aikidokünste geben. Schon am nächsten Tag tauchen die Fotos mit einem Kommentar in der „Times of India“ und der „Hindustan Times“ auf.

Es wird immer heißer

Indien 2008 0283Jeden Tag ist zwei mal zwei Stunden Training. Die für die Deutschen sommerlichen Temperaturen steigen immer weiter. In der Luft liegen viel Staub und Abgase. Was die Moskitos im Dojo aber keineswegs davon abhält, zu stechen. Mit Tinkturen wird versucht die Insekten abzuschrecken. Richtig wirksam ist aber nur das Insektizid der Spiralen, die insbesondere während des Abendtrainings wie Räucherstäbchen angezündet werden. Das ist dann allerdings etwas atemberaubend.

Eines Morgens erwähnt Bappa, dass zurzeit Temperaturen um 30 °C im Schatten bei 90 - 95 % Luftfeuchte herrschen würden. Kein Wunder, dass alle so schwitzen. Auch wenn sich die Sonne kaum blicken lässt. Dazu ist der Smog in dieser Stadt einfach zu dick, eine Luft zum schneiden. Hier kommt einem die europäische Feinstaubdiskussion absurd vor.

Kali, Durga und Kolkata

Für die Herleitung des Namens der Stadt Kolkata bzw. Kalkutta gibt es mehrere Versionen. Eine weit verbreitete ist eine Übersetzung als das "Land der Kali".

Indien 2008 0123In der Tat spielt die Göttin Kali eine wichtige Rolle in der Stadt. Für sie und eine ähnliche Vorstellung in Form der Göttin Durga, wurden mehrere Tempel errichtet. In fast jeder Straße oder jedem Viertel existiert ein Schrein von Kali oder Durga. An diesen Stellen werden Pujas, religiöse Zeremonien, vollzogen.

Indien 2008 0529.JPGKali soll alles Böse und Üble in der Welt in Form eines Dämons verschlungen haben. Wäre nur ein Tropfen Blut des Dämons auf die Erde gefallen, wäre ein neuer Dämon entstanden. Kali hätte alles Blut des Dämons aufgesogen und dadurch die Welt gerettet. Sie wird deshalb mit einer großen ausgestreckten Zunge dargestellt und gilt als Hüterin des Lebens.

Leben auf der Straße

Auf den Gehwegen der Stadt wird campiert, gekocht, verkauft, repariert, rasiert, gewaschen, gegessen, geboren und gestorben. Das ganze Leben spielt sich für viele Menschen auf der Straße ab.

Die Toleranz, der man dabei begegnet, ist beeindruckend. Leben und leben lassen. Dass mittellose Menschen auf den Gehwegen der Stadt ihr Lager aufschlagen dürfen, wäre in Deutschland unvorstellbar. Genauso dulden die Menschen die herrenlosen Hunde neben sich, niemand vertreibt sie.

In Mauernischen und -löchern werden kleine Läden, Imbissstände und Garküchen betrieben. Diese Stadt bietet viele Nischen und die Menschen lassen sich viel einfallen, um zu überleben. So werden die Abfälle oft an Ort und Stelle von Hand durchsucht und sortiert, brauchbares wird verkauft. Die Menschen auf den Straßen Kolkatas, sind Überlebenskünstler. Und das ganze bildet ein System, das irgendwie funktioniert.

Indien 2008 0565.JPGPrüfungen

Während der Lehrgangswoche eröffnet Walter Shihan, dass am Ende der Woche Prüfungen stattfinden werden. Nicht nur für die indischen Aikidokas.

Am 29. Februar finden dann vormittags Kyu-Prüfungen, am Abend Dan-Prüfungen statt. Bei 30 Grad im Schatten und 90 % Luftfeuchte.

Im Dojo ist es warm und stickig. Am Ende sind alle froh, es überstanden zu haben und der Prüfer ist zufrieden. Das Ergebnis der Prüfungen für die deutsche Aikidokas sind der erste Dan für Carmen Muser sowie der dritte Dan für Christine Schmidt, Günter Waibel und Alexander Reinhardt.

Verschiedene Welten

In Kolkata existieren viele verschiedene Welten nebeneinander. Die Welt der Mittellosen, die auf den Gehwegen unter Planen oder auch unter freiem Himmel wohnen. Die Welt derjenigen, die wenig haben und mit viel Mühe und Einfallsreichtum überleben. Die Welt derjenigen, die einen Job haben, erträglich bezahlt werden und ähnlich leben können, wie wir. Von der Welt der Reichen in Indien bekommen wir nicht viel mit. Sie bleibt uns verschlossen oder uns fehlt der Maßstab, sie zu erfassen.

Auch die Welten der Tiere gibt es hier. Die der herrenlosen Hunde, die von den Abfällen der Menschen leben. Die der klapprigen Pferde, die den Rasen des Maidan und der angrenzenden Grünflächen kurz halten und sich nicht zu schade sind, auch Mülltonnen zu durchwühlen.

Und die Welt der Krähen. Denen geht es in Kolkata vermutlich am besten von allen Wesen. Sie nehmen sich, was sie brauchen können und ziehen weiter, wenn es ihnen gefällt.

Die Tage in Kolkata waren für alle Beteiligten zutiefst beeindruckend. Neben den Bildern der Stadt und der dort lebenden Menschen und Tiere bleibt ihnen die faszinierende Erfahrung, wie die Kampfkunst Aikido eine Brücke zwischen den so unterschiedlichen Welten Indien und Deutschland schlagen konnte.

Christine Schmidt / Alexander Reinhardt

10. Mai 2008


Zur Person:

Alexander Reinhardt

Dipl.-Ing.Maschinenbau Ing., geboren in Bad Kreuznach, aufgewachsen in Bietigheim-Bissingen, wohnt heute in Bretzfeld-Scheppach. Er kam erstmals 1980 in Bietigheim mit Aikido in Berührung. In den Jahren von 1981 bis 1996 hatte er noch Gelegenheit, den japanischen Großmeister Hirokazu Kobayashi (8. DAN) kennen zu lernen und bei ihm einige Lehrgänge zu besuchen. Er trainiert zurzeit hauptsächlich bei den Aikidolehrern Walter Oelschläger, Ludwigsburg (6. DAN) und Walter Richter, Heilbronn (4. DAN). Im Jahr 2000 gründete er beim Budokwai Öhringen eine Aikidogruppe, die der 3A Deutschland angeschlossen ist.

Alexander Reinhardt ist 3. Dan Aikido, Trainer beim Budokwai Öhringen und gelegentlich beim KANO Heilbronn. Zusätzlich unterrichtet er Aikido für Kinder und Erwachsene auch an der Volkshochschule. Aikido ist für ihn ein wichtiger Bestandteil seines Lebens geworden. Besonders reizvoll ist für ihn, dass Aikido Menschen aus aller Welt zusammenführt, und hilft ein tiefes Verständnis füreinander zu entwickeln. Durch den intensiven körperlichen Kontakt geht dies über die rein verbale Ebene weit hinaus. Es fördert Fitness, körperliche und geistige Beweglichkeit und erhöht somit die Lebensqualität. Mit minimalen Bewegungen und im Optimum null Kraftaufwand maximale Wirkung zu erzielen, ist für ihn als Ingenieur immer wieder faszinierend.